domingo, 6 de septiembre de 2026

1901 | 1. Januar, Dienstag | Was so beginnt


Für den Neujahrstag des neuen Jahrhunderts, so heißt es, muss man unbedingt etwas Besonderes planen. Ich bin fünfzehn Jahre alt und mir ist es egal, gar nichts zu machen. Meine Welt beschränkt sich auf drei Gebäude, weit weg von allem, isoliert in der nicht existierenden Bauplanung einer Straße, wie drei Restzähne im Mund eines Landstreichers. Meine Freunde, keiner davon in meinem Alter. Alle älter. Was sie vorhaben, ein Rätsel, das ich Tag für Tag neu lösen muss. Die Mädels sind das Wichtigste für sie, und doch reden sie nie mit einem. Mich langweilt es, immer über etwas nachzudenken, das es noch gar nicht gibt. Ich spiele lieber Fußball, eine neue Sportart. Aber in unserer Straße hier im Nirgendwo haben wir nur eine Mannschaft und die müssen wir zweiteilen, um ein Spiel bestreiten zu können. Die kniffligste Frage ist immer, wer den Torwart bekommt, denn wir haben nur einen, dem es gelingt, wenn auch nur ab und an, einen auf ihn abgeschossenen Ball zu halten. Wer?

         Es ist ja auch nicht so, als wäre dieses neue Jahr unbestritten das richtige. Für Einige hat die Einweihungsfeier ja schon zwölf Monate zuvor stattgefunden, nämlich am Neujahrstag von 1900. Die Neun hat damals schon viele beeindruckt. Aber ich habe ein paar Mathematikstunden auf dem Buckel, zwar nicht besonders viele, wo einem erklärt wird, dass, wie es sein Name schon besagt, es kein Jahr Null gibt und dass „hundert“ die Zahl einhundert für eine Serie von hundert ist. Demnach ist 1900 nur das “hundert” des neunzehnten Jahrhunderts. Und der erste Tag des zwanzigsten Jahrhunderts, heute, eben dieser Neujahrstag. Trotzdem gibt es Leute, die dieses Konzept einfach nicht kapieren. Meine Freunde haben sich der Theorie von der festlichen Seite her angeschlossen, und das bringt meinen Tag durcheinander, denn ich hätte den größten Spaß gehabt, wie wir es an jedem Feiertag tun, nämlich mit den elf, die wir sind, gegen ein anderes, jenseits liegendes Stadtviertel anzutreten und zu spielen. Jenseits von wo?

          Ich bin als erster da und dann tauchen auch nach und nach die anderen auf. In Sonntagskleidung. Ich habe in der Wirtschaft fünf Stühle um einen Tisch gestellt und es muss nur noch ein weiterer hinzugestellt werden. Sechs Mal kommt und geht der Kellner, na gut, eigentlich sieben Mal, denn einer bestellt noch ein Glas. Nicht immer passen die Anzüge, die sie tragen, zur Körpergröße meiner Freunde. Ihre Mütter haben versucht, das zu kaschieren, indem sie Stoffe dazugenommen oder diese mit geerbten Kleidungsstücken, die schon aus einem anderen Jahrhundert stammen, erweitert haben. Der Einzige, der eine geeignete Stoffhose trägt, um sich damit eine Runde im Sand wälzen zu können, bin ich, der ich ja von einem guten Spiel geträumt hatte. Die anderen, so in Schale geworfen, sind stiller als gewohnt. Sie müssen etwas im Schilde führen. Aber sie lassen nichts durchblicken. Alle fünf stehen jetzt gleichzeitig auf und ich folge ihnen wie gewohnt. Das Jahrhundert beginnt genauso so, wie das vorige aufgehört hat, denke ich, und lässt mich genauso allein dastehen. Der Weg in den Ort ist weit. Gärten, ein paar Schafsställe, fast überall Unkraut und viel Gestrüpp, in Erwartung künftiger Straßen, die im Kopf von wem auch immer existieren. Dass wir die Baustelle für die Straßenbahn erreichen, bedeutet, wir sind schon ganz in der Nähe. Doch von welchem Zielort nur?

         Ich weiß nicht, wo wir hingehen, aber meine Kumpels sehr wohl. Ohne zu zögern, biegen sie in eine enge Straße ab, anstatt geradeaus weiter zum Platz zu gehen. Sie bleiben vor einem beliebigen Eingangsportal eines abbruchreifen Gebäudes stehen. Es ist eine deckige und düstere Gasse. Ein Baby schreit in einer der Wohnungen. Ein Paar streitet laut miteinander, in einer anderen. Ich bekomme das alles mit, weil wir so lautlos hier angekommen sind und meine Kameraden immer noch keinen Ton von sich geben. Jetzt flüstern sie etwas. Sie beschließen, von jedem Geld einzusammeln. Eine Pesete pro Kopf. Das ist mein Kapital für den ganzen Monat, aber ich habe es dabei. Es ist in der zugeknöpften Tasche meiner Hose aus strapazierfähigem Stoff. Eine Pesete, wofür?

Der Älteste der Gruppe holt einen Stoß kleiner, dünner Holzstäbchen heraus, von denen, die er immer verwendet, um damit in seinen Zähnen herumzustochern und die er mit seinen Lippen hin und herbewegt. Er zerbricht einen davon in der Mitte. Er richtet alle in seiner Hand gerade in eine Reihe aus, bei geschlossener Faust. Meine Freunde ziehen dort jeweils einen heraus. Jeder einen. Die vor mir Herausgezogenen sind alle vollständige Zahnstocher. «Das darf doch wohl nicht wahr sein, der Knirps gewinnt!» höre ich sie brüllen, als ich den abgebrochenen Zahnstocher in meiner Hand sehe. Sie streiten. «Fangen wir noch einmal neu an!», schlagen einige vor. Doch gegen ein solches Wunschdenken setzt sich das Kriterium der Wahrheit durch: «Er hat schließlich auch eine Pesete gegeben». «Aber der Preis sind doch sieben, sonst haben wir nicht genug!», höre ich jemanden neben mir klagen. Nicht genug wofür?

         «Klar doch, dass wir alle mit raufgehen; wäre ja noch schöner!», setzt sich der durch, der in unserer Mannschaft der Kapitän ist. «Und wir helfen ihm bei der Auswahl. So bekommen wir wenigstens etwas Schönes zu sehen. Eine Pesete ist schließlich eine Pesete». Auch wenn ich es noch nicht ganz kapiere, beginne ich doch allmählich zu begreifen. Dieses Jahr werde ich sechzehn. Dann bin ich schon ein Mann. Wenn ein Krieg kommt, geben sie mir eine blaue Uniform mit goldenen Knöpfen und ein Gewehr. Ehrlich gesagt traute ich mich kaum, daran zu denken, aber ich stellte mir bereits vor, wie mein erstes Mal wohl sein würde. Und ich hatte sogar schon eine Kandidatin. Die Enkelin von Frau Julia. Sie kommt sie mit ihrer Familie oft besuchen. Wenn ich ihr im Treppenhaus begegne, lächelt sie mich an. Dann mache ich einen leichten Knicks vor ihr und sie lacht. Ich weiß nicht, ob das Liebe ist, aber jedes Mal, wenn das passiert, kribbelt es mir am ganzen Körper und ich bekomme Stielaugen. Sie war meine Lieblingskandidatin für das erste Mal, und das zweite, und das dritte… Und daraus wird jetzt nichts mehr, denn sie werden ja für meine Premiere diejenige auswählen, die sie selbst gerne haben würden. Und sicherlich mit äußeren Merkmalen, die das Gegenteil sind zu der bezaubernden Enkelin von Frau Julia. Warum stecke ich nur meine Nase in Dinge, die mich nichts angehen? Was für ein Jahrhundert erwartet mich da nur!