1903 | 11. Mai, Montag | Unterricht in Insektenkunde


«Elfter Mai 1903». Ich lese das Datum auf einer Sterbeurkunde, deren dunkles und gealtertes Papier sich langsam von den Rändern her auflöst. Sofort frage ich mich, wo ich an diesem Tag wohl gewesen bin. Am Tag darauf und den nächsten weiß ich es noch genau, nämlich auf seiner Totenwache; undenkbar, dass ich irgendwo anders gewesen sein könnte. Ich war zwar nicht dabei, so wie jetzt, klar, aber irgendwie muss ich an der Beerdigung doch teilgenommen haben. Es war der jüngste Bruder meines Großvaters, von dem kaum noch Erinnerungen erhalten sind, denn er war sehr jung an einem plötzlichen Schlaganfall gestorben. In meinem Großvater muss also, zumindest als Möglichkeit, etwas von mir existiert haben, am Tag vom Begräbnis seines Bruders. Wenn ich diesen Gedankengang weiterverfolge, sehe ich, dass der mich nirgendwo hinführt: trage auch ich etwa schon die Nachkommen in mir, die ich einmal haben werde? In welchem Teil meiner zwanzig Jahre denn, die ich gerade alt geworden bin, wobei ich ja noch nicht einmal eine Freundin habe, der ich diesen Gedanken anvertrauen könnte? Eine Sackgasse, ganz sicher.

         1903 fehlten noch dreißig Jahre, bis ich geboren wurde. Damals ging meine Mutter noch in die Grundschule, ohne den geringsten Gedanken, dass sie eines Tages einen Sohn, nämlich mich, zur Welt bringen sollte. Der Bruder meines Großvaters dürfte allerdings keine künftigen Nachkommen in sich getragen haben, denn er war ja so jung verstorben. Und als Junggeselle. Und wenn er tatsächlich welche in sich getragen hätte, aber unerwartete Umstände ihn daran hinderten, noch Zeit genug zu haben, um eine kennenzulernen, mit der er sie hätte bekommen können? Wo ist dieser Samen nur hingekommen? Ich weiß nicht, warum ich so darauf bestehe, über etwas nachzudenken, worüber man eigentlich gar nicht nachdenken kann. Die Leute machen sich nur Sorgen um ihr zukünftiges Leben, doch bei mir stelle ich fest, dass ich nur daran interessiert bin zu erfahren, wo zum Teufel ich mich vor meiner Geburt befunden habe.

      Dass ich gerade anfange, mein erstes Buch zu schreiben, ist der Grund, warum mich das Sterbedatum meines Großonkels so sehr bewegt. Ohne konkretes Datum ist der Tod unserer Vorfahren eine abstrakte Idee, aber wenn man den Tag, den Monat, das Jahr eines solchen Ereignisses kennt, dann ist es plötzlich so nahe, dass es scheint, als wäre es ein Teil des gegenwärtigen Lebens, denn auch in diesem Jahr wird der Mai wieder einen elften Tag haben, genau wie damals. Deshalb kann ich mich jetzt beinahe an die Totenwache erinnern, an der ich gemeinsam mit meinem Großvater teilnahm, in seinem Körper, seinem Geist oder wer weiß wo. Von den Habseligkeiten, die aus dem Zimmer, in dem mein Großonkel, ein Naturforscher aus Berufung, gewohnt hatte, das er von einer Witwe in einem großen Haus am Stadtrand gemietet hatte, war der größte Teil, wie er Jahre später von meiner Mutter gehört zu haben scheint, verlorengegangen. Oder womöglich war alles einfach auf dem Müll gelandet. Ich neige eher zu der zweiten Erklärung, bedenkt man, dass die entomologischen Sammelkästen, voll von mit Nadeln aufgespießten Insekten und die Herbarien, vollgestopft mit Exemplaren von getrockneten Pflanzen und Blumen, nicht gerade die Art Erinnerungsstücke sind, welche die Leute gerne bei sich zuhause aufbewahren. Es sei denn, man hat eine außerordentliche Vorliebe für die Naturwissenschaft. Vom Vermögen meines Großonkels hat nur ein Karton voller alter, ungeordneter Papiere überlebt.

      Ich greife zu dieser Kiste, die seit Jahrzehnten auf dem Speicher unseres Hauses herumsteht, denn ich glaube, mich daran zu erinnern, dass meine Mutter mir einmal erzählt hat, dass mein Großonkel auch ein Buch geschrieben hatte, welches aber nie veröffentlicht wurde. Etwas, das weder mein Urgroßvater, mein Großvater, noch meine Eltern gemacht hatten und die Tatsache, dass ich auf die Idee gekommen war, jetzt eines zu schreiben, verbindet mich auf einmal mit meinem Vorfahren, dem Insektenkundler. Zwischen nichtssagenden Papieren fallen mir ein paar Briefe ins Auge, die ich in einer Holzkiste mit einer Kordel zusammengebunden vorfinde. Das ist das Einzige, was mein Interesse weckt. Die Überraschung liegt im Absender. Es sind drei Briefe von Jean-Henri Fabre, dem Vater der naturkundlichen Studien in Europa. Sie sind natürlich auf Französisch verfasst. Die beiden ersten sind herkömmliche Briefe, aber im dritten, ausführlicheren, lese ich «A l'occasion de votre agréable visite il y a deux semaines...». Sofort richte ich meinen Blick auf das Datum und ich erstarre vor Schreck. «Harmas, 3 avril 1903».  Mein Großonkel hatte den großartigen Forscher und wunderbaren Wissensvermittler wohl in seinem Haus in Sérignan-du-Comtat kennengelernt. Niemand hat mir von dieser Episode erzählt.

      Von dem Buch, das er angeblich geschrieben, wenn auch nie veröffentlicht haben soll, fehlt allerdings jede Spur unter all den Papieren im Karton. Ein letzter Satz im Brief wirft vielleicht ein wenig Licht auf seinen Verbleib: «Je lirai prochainement votre manuscrit et promets de vous aider à le diffuser». Er hatte diese Zeilen nur wenige Tage vor seinem Tod gelesen. Mein armer Großonkel! Wie gerne hätte ich ihn doch gekannt! Erneut unterziehe ich meine Mutter einer eingehenden Befragung, aber sie erinnert sich kaum an etwas, sie war ja damals noch sehr klein, sie erzählt nur vereinzelte Anekdoten, die sie in ihrer Jugend gehört hat. Noch nicht einmal mein Großvater ist in der Lage, etwas Genaueres zu sagen. «Er war sehr unabhängig. Er verbrachte sein ganzes Leben in der Natur oder auf Reisen. Wir konnten ihn ja noch nicht einmal besuchen gehen, sein Zimmer war so vollgestopft mit diesen Insektenviechern. Allein schon der Geruch davon ging deiner Großmutter auf die Nerven». Das ist alles, was ich über meinen geheimnisvollen Verwandten in Erfahrung bringen konnte.

      Ich beginne ein neues Heft, genau wie das, in dem die ersten Abschnitte meines Buches standen, mit seinem Namen in der Kopfzeile der ersten Seite: Professor Augusto García Casado. Und ich sehe die Papiere noch einmal durch, übernehme die darin enthaltenen Daten und ordne sie. Es sind nicht viele, aber bei sorgfältiger Durchsicht der Unterlagen stoße ich auf einige seiner Feldnotizen, die er möglicherweise verlegt hatte. Oder vielleicht, jetzt, wo ich es noch einmal überdenke, hatte er nur vergessen, sie sorgsam in seinen Notizmappen aufzubewahren, welche es mit Sicherheit gegeben hat und die wohl alle verlorengegangen sind. Nur das, was er verworfen hatte, blieb erhalten: diese Papiere, die sich der Ordnung entzogen hatten, denen es jedoch besser als den ordentlich Klassifizierten gelungen war, die Jahrzehnte zu überstehen. Paradoxe der Zeit. Mit dem, was er eigentlich nicht aufbewahren wollte, muss ich jetzt seine Geschichte erzählen. In einer Notiz, die ich besonders schön finde, zeichnet er mit Tinte die beiden Flügel einer mit Bleistift skizzierten Gottesanbeterin nach und zwar auf jedem der Flügel genau die zarten Adern und nummeriert sie. 

      Jedes Stück Papier von ihm ermöglicht mir, einen Augenblick seines Lebens festzuhalten, indem ich ihn in das Heft eintrage, das ich ihm widme und dessen Seitenzahl in gutem Tempo wächst. Wo die Recherchen nicht ausreichen, lasse ich meiner Fantasie freien Lauf. Ich erfinde Reisen, Insektenfänge, Pflanzensammlungen. Ich habe in Antiquariaten in Fachbüchern gestöbert, die er möglicherweise zu Rate gezogen haben könnte, denn seine Bücher sind ja auch nicht erhalten. Ich schreibe auf dem Deckblatt meines Heftes einen Titel, der autobiographisch anmutet: Zehnter Mai 1903. Es ist der erste Tag, von dem ich etwas von meinem Leben vor meiner Geburt weiß. Es ist mein Buch, obwohl es ja auch nicht veröffentlicht wird. Manchmal frage ich mich, wo die vorher verfassten Abschnitte geblieben sind von dem, was mein erstes Buch werden sollte. Vielleicht findet sie ja jemand im noch weit entfernten Jahr 2003, in herausgerissenen Seiten eines nicht existierenden Heftes, als einzige Auskunft über mein Leben, das genau wie das meines Großonkels Augusto, im Lauf der Zeit in Vergessenheit geraten ist, da diese ja nie von ihrer Gewohnheit abweicht.

 *(nach dem Soneto XXIII von Garcilaso de la Vega)

1902 | 17. Februar, Montag | Generalstreik und Zustände wie im Krieg


Der Tag gähnt über den Dächern, aber sein Hauch reicht nicht aus, die Plastersteine der bunten Gassen des Rotlichtviertels weiß zu färben. Auf der Straße kauert einer, der  versucht, einen herauszureißen und scharrt mit den Händen die Fugen aus. Ein anderer Schatten nähert sich ihm mit einer Rohrzange in der Hand. «Was ist das denn?», fragt der in der Hocke Kauernde und blickt misstrauisch von unten herauf. «Die ist eine Neuheit, für Rohre ist sie hervorragend geeignet, vielleicht nützt sie dir ja auch hierbei, Genosse». Der, der fragt, fragt weiter: «Und du?». «Ich scharre sie mit den Fingern aus». «Das kann aber lange dauern!». «Zwei Straßen weiter gibt es Schutt von einem Abbruch». «Bist du sicher?», entgegnet der, der sich jetzt schon erhebt. «Ich bin gerade daran vorbeigekommen». «Und du hast keine mitgenommen?». «Da ich allein war, habe ich mich nicht getraut, komm´, gehen wir doch zusammen; wie ich sehe, hast du einen Sack dabei, ich komme mit». In aller Eile prallen die Schritte von den Fassaden ab und verhallen am  Fuß der geschlossenen Fensterläden. Das Gedrehtwerden eines Schlüssels übernimmt mit seinem doppelten Klicken die Nachfolge und gibt den Schlaflosen einen guten Grund, nicht zur Ruhe zu kommen. Die Tür öffnet sich laut knarrend, während ein Schlüsselbund, der an einem Ring befestigt ist, klirrt. Wer da gerade herausgekommen ist, wählt, ohne hinzuschauen, eine andere Tür aus, durch die er wieder eintreten kann. Mit neuem Knarren und erneutem Quietschen öffnet sich sperrangelweit die Eingangstür der Taverne. Kein Stammkunde von denen, die immer früh aufstehen für ihr Gläschen Anislikör, wartet davor. Und das ist wirklich seltsam. Der Wirt flucht leise vor sich hin. Er hat oben seine Frau zurückgelassen, die wütend auf ihn ist. «Heute ist doch kein Tag, wo die Leute Wein trinken kommen, es wird doch sicher Tote geben!», hatte sie ihm vom Bett aus nachgerufen, und nichts würde ihn mehr schmerzen —sogar mehr als die Einnahmen eines ganzen Tages zu verlieren—, als ihr Recht geben zu müssen.

         Einer der Stammkunden nähert sich zögerlich. Unter dem Türsturz bleibt er stehen, als wolle er nicht der Erste sein. Von Weitem erahnt er dort hinter der Theke den Wirt. Der Zweifel ist ein Insekt, das jede Gewissheit zerfrisst. «Kommt denn heute sonst keiner?», sagt der Kunde laut vor sich hin. Aber wer jetzt antwortet, kennt alle Züge dieses Spiels in- und auswendig: «Nutz´ es nur aus, heute wirst du nicht lange warten müssen, bis ich dich bediene». Er macht zwei Schritte vor und sucht sich einen Hocker, der nicht wackelt. Ein Eisdiamant glänzt im Herzen des Gläschens, das vor ihm auftaucht. In diesem Augenblick verschwinden alle Zweifel, aber, wie Komiker, deren Stern dabei ist zu sinken, tauchen sie schon bald erneut auf. «Was für ein seltsamer Tag heute, meinst du nicht auch, Paco?». Der Wirt beruhigt ihn, als säße er in einem Beichtstuhl: «Wir sind hier im dichtbesiedeltstens Teil des Stadtviertels, hierher kommt nur, wer es wirklich kennt». Und zu sich selbst fügt er noch hinzu: «Und das habe ich davon!» In heller Aufregung kommt ein weiterer Stammkunde herein. Er ist so erschrocken, dass er kaum Luft bekommt; er redet stockend, aber der Wirt hört nicht einmal hin. Er hat ihn schon an der Theke platziert, gegenüber von einem leeren Hocker, wieder ein funkelnder Diamant. Der mit einem Schluck verschwindet und sich auf der Stelle, wie in den klassischen Fabeln, in eine Chronik aus der Unterwelt verwandelt. «Oh mein Gott, auf dem großen Platz wartet ein ganzer Schwarm von Mauser-Gewehren auf sie, alle mit Zierstreifen, Laufe aus Bronze, Artillerie an jeder Ecke, Sandsäcke und jede Menge bunte Wimpel». «Und bei dir sieht es so aus, als hätte man dir einen davon hinten reingesteckt, stimmt´s?». Alle drei lachen, der Chronist weniger begeistert.

         Die Taverne, die sich anfangs fast in das Redaktionsbüro einer Tageszeitung verwandelt hatte, wird jetzt zum Hauptquartier für taktische Operationen. Halb vermummt mit großen Tüchern treten Anarchisten ein, die wie Soldaten ohne Heer und Uniform verkleidet sind. Ohne den geringsten Gruß nehmen sie am letzten Tisch im Saal Platz, wo kaum Tageslicht hinkommt. Sie breiten eine Landkarte aus. Bestellen Wein für zwei. Der dritte trinkt nur Sprudelwasser. Ab und zu kommt ein Demonstrant hineingerannt und stürmt bald darauf mit neuen Strategieanweisungen wieder hinaus. Das Auftauchen einer berittenen Polizeibrigade der Guardia Civil mit gezückten Schwertern löst auf dem Platz Panik unter den versammelten Menschen aus. Ein neue Gruppe von Gästen in zerfetzten Anzügen von Büroangestellten kommt, völlig erschöpft, angerannt und kauert sich im Eingangsbereich zusammen und traut sich, weder wieder auf die Straße hinauszulaufen, noch die Kneipe zu betreten. Der Wirt selbst muss kommen, um diesen menschlichen Schützengraben zu vertreiben; einige entschließen sich, doch einzutreten und bestellen Kaffee, der ihnen widerwillig aus einer verbogenen, rostigen Kanne serviert wird. Kurz darauf erscheint, ebenfalls mit verstörtem Gesichtsausdruck, der Herr Casas, der bei allen hier als  «der Maler» bekannt ist, obwohl keiner jemals ein Bild von ihm gesehen hat. Der Besitzer der Wirtschaft rechnet damit, dass er eines Tages vielleicht eines davon kaufen wird, oder eine Reproduktion, was soll´s, wenn die dann billiger ist, um die Kneipe zu dekorieren. Er setzt sich an einen Tisch und bestellt seinen Likör, den er hier immer gerne alleine trinkt. Nervös kritzelt er Striche in ein Notizheft.

         Im Laufe des Tages erhält die Taverne eine neue Aufgabe. Alleine oder von Freiwilligen auf Tragen hereingebracht, treffen immer mehr Verletzte ein. Mit Prellungen, Quetschungen, alle mit blauen Flecken und Schürfwunden und mancher sogar mit einer schweren Verletzung.  Sie werden auf den Boden gelegt und die Frau des Wirts reinigt vorsichtig die Wunden mit Wasser und Seife, besprüht sie mit Jodform und bedeckt die Wunde mit Mull und Verbänden, die sie mit einer Schnur festbindet. Danach schenkt sie ihnen Wein bis zum Rand ein und berechnet ihnen den doppelten Preis. Die Kneipe wird so zum Operationssaal eines Krankenhauses, ohne dabei ihre Funktionen als anarchistisches Hauptquartier und vor allem als Nachrichtenredaktion aufzugeben. «Ein Toter in der Paja-Straße!» ruft einer, der gerade ankommt und die Rolle eines Reporters übernommen hat. Und am Tisch im Hintergrund sucht einer der drei aufständischen Generäle auf der Landkarte diesen Straßennamen und zeichnet mit einem Bleistift, dessen Graphitmine er mit dem Messer am Leben hält, ein Kreuz, das zu den anderen Kreuzen hinzukommt, die er während der Auseinandersetzung den ganzen Tag lang gemacht hat. Der Februar wird es schnell leid, die Straßen zu beleuchten und am späten Nachmittag macht er sich auf den Weg an einen anderen Ort weiter östlich, um von dort weiterzugehen, was ja das Einzige ist, das er in diesem Leben tut, unbeeindruckt von den Kämpfen, in die die Sterblichen verwickelt sind. 

1901 | 1. Januar, Dienstag | Was so beginnt


Für den Neujahrstag des neuen Jahrhunderts, so heißt es, muss man unbedingt etwas Besonderes planen. Ich bin fünfzehn Jahre alt und mir ist es egal, gar nichts zu machen. Meine Welt beschränkt sich auf drei Gebäude, weit weg von allem, isoliert in der nicht existierenden Bauplanung einer Straße, wie drei Restzähne im Mund eines Landstreichers. Meine Freunde, keiner davon in meinem Alter. Alle älter. Was sie vorhaben, ein Rätsel, das ich Tag für Tag neu lösen muss. Die Mädels sind das Wichtigste für sie, und doch reden sie nie mit einem. Mich langweilt es, immer über etwas nachzudenken, das es noch gar nicht gibt. Ich spiele lieber Fußball, eine neue Sportart. Aber in unserer Straße hier im Nirgendwo haben wir nur eine Mannschaft und die müssen wir zweiteilen, um ein Spiel bestreiten zu können. Die kniffligste Frage ist immer, wer den Torwart bekommt, denn wir haben nur einen, dem es gelingt, wenn auch nur ab und an, einen auf ihn abgeschossenen Ball zu halten. Wer?

         Es ist ja auch nicht so, als wäre dieses neue Jahr unbestritten das richtige. Für Einige hat die Einweihungsfeier ja schon zwölf Monate zuvor stattgefunden, nämlich am Neujahrstag von 1900. Die Neun hat damals schon viele beeindruckt. Aber ich habe ein paar Mathematikstunden auf dem Buckel, zwar nicht besonders viele, wo einem erklärt wird, dass, wie es sein Name schon besagt, es kein Jahr Null gibt und dass „hundert“ die Zahl einhundert für eine Serie von hundert ist. Demnach ist 1900 nur das “hundert” des neunzehnten Jahrhunderts. Und der erste Tag des zwanzigsten Jahrhunderts, heute, eben dieser Neujahrstag. Trotzdem gibt es Leute, die dieses Konzept einfach nicht kapieren. Meine Freunde haben sich der Theorie von der festlichen Seite her angeschlossen, und das bringt meinen Tag durcheinander, denn ich hätte den größten Spaß gehabt, wie wir es an jedem Feiertag tun, nämlich mit den elf, die wir sind, gegen ein anderes, jenseits liegendes Stadtviertel anzutreten und zu spielen. Jenseits von wo?

          Ich bin als erster da und dann tauchen auch nach und nach die anderen auf. In Sonntagskleidung. Ich habe in der Wirtschaft fünf Stühle um einen Tisch gestellt und es muss nur noch ein weiterer hinzugestellt werden. Sechs Mal kommt und geht der Kellner, na gut, eigentlich sieben Mal, denn einer bestellt noch ein Glas. Nicht immer passen die Anzüge, die sie tragen, zur Körpergröße meiner Freunde. Ihre Mütter haben versucht, das zu kaschieren, indem sie Stoffe dazugenommen oder diese mit geerbten Kleidungsstücken, die schon aus einem anderen Jahrhundert stammen, erweitert haben. Der Einzige, der eine geeignete Stoffhose trägt, um sich damit eine Runde im Sand wälzen zu können, bin ich, der ich ja von einem guten Spiel geträumt hatte. Die anderen, so in Schale geworfen, sind stiller als gewohnt. Sie müssen etwas im Schilde führen. Aber sie lassen nichts durchblicken. Alle fünf stehen jetzt gleichzeitig auf und ich folge ihnen wie gewohnt. Das Jahrhundert beginnt genauso so, wie das vorige aufgehört hat, denke ich, und lässt mich genauso allein dastehen. Der Weg in den Ort ist weit. Gärten, ein paar Schafsställe, fast überall Unkraut und viel Gestrüpp, in Erwartung künftiger Straßen, die im Kopf von wem auch immer existieren. Dass wir die Baustelle für die Straßenbahn erreichen, bedeutet, wir sind schon ganz in der Nähe. Doch von welchem Zielort nur?

         Ich weiß nicht, wo wir hingehen, aber meine Kumpels sehr wohl. Ohne zu zögern, biegen sie in eine enge Straße ab, anstatt geradeaus weiter zum Platz zu gehen. Sie bleiben vor einem beliebigen Eingangsportal eines abbruchreifen Gebäudes stehen. Es ist eine deckige und düstere Gasse. Ein Baby schreit in einer der Wohnungen. Ein Paar streitet laut miteinander, in einer anderen. Ich bekomme das alles mit, weil wir so lautlos hier angekommen sind und meine Kameraden immer noch keinen Ton von sich geben. Jetzt flüstern sie etwas. Sie beschließen, von jedem Geld einzusammeln. Eine Pesete pro Kopf. Das ist mein Kapital für den ganzen Monat, aber ich habe es dabei. Es ist in der zugeknöpften Tasche meiner Hose aus strapazierfähigem Stoff. Eine Pesete, wofür?

Der Älteste der Gruppe holt einen Stoß kleiner, dünner Holzstäbchen heraus, von denen, die er immer verwendet, um damit in seinen Zähnen herumzustochern und die er mit seinen Lippen hin und herbewegt. Er zerbricht einen davon in der Mitte. Er richtet alle in seiner Hand gerade in eine Reihe aus, bei geschlossener Faust. Meine Freunde ziehen dort jeweils einen heraus. Jeder einen. Die vor mir Herausgezogenen sind alle vollständige Zahnstocher. «Das darf doch wohl nicht wahr sein, der Knirps gewinnt!» höre ich sie brüllen, als ich den abgebrochenen Zahnstocher in meiner Hand sehe. Sie streiten. «Fangen wir noch einmal neu an!», schlagen einige vor. Doch gegen ein solches Wunschdenken setzt sich das Kriterium der Wahrheit durch: «Er hat schließlich auch eine Pesete gegeben». «Aber der Preis sind doch sieben, sonst haben wir nicht genug!», höre ich jemanden neben mir klagen. Nicht genug wofür?

         «Klar doch, dass wir alle mit raufgehen; wäre ja noch schöner!», setzt sich der durch, der in unserer Mannschaft der Kapitän ist. «Und wir helfen ihm bei der Auswahl. So bekommen wir wenigstens etwas Schönes zu sehen. Eine Pesete ist schließlich eine Pesete». Auch wenn ich es noch nicht ganz kapiere, beginne ich doch allmählich zu begreifen. Dieses Jahr werde ich sechzehn. Dann bin ich schon ein Mann. Wenn ein Krieg kommt, geben sie mir eine blaue Uniform mit goldenen Knöpfen und ein Gewehr. Ehrlich gesagt traute ich mich kaum, daran zu denken, aber ich stellte mir bereits vor, wie mein erstes Mal wohl sein würde. Und ich hatte sogar schon eine Kandidatin. Die Enkelin von Frau Julia. Sie kommt sie mit ihrer Familie oft besuchen. Wenn ich ihr im Treppenhaus begegne, lächelt sie mich an. Dann mache ich einen leichten Knicks vor ihr und sie lacht. Ich weiß nicht, ob das Liebe ist, aber jedes Mal, wenn das passiert, kribbelt es mir am ganzen Körper und ich bekomme Stielaugen. Sie war meine Lieblingskandidatin für das erste Mal, und das zweite, und das dritte… Und daraus wird jetzt nichts mehr, denn sie werden ja für meine Premiere diejenige auswählen, die sie selbst gerne haben würden. Und sicherlich mit äußeren Merkmalen, die das Gegenteil sind zu der bezaubernden Enkelin von Frau Julia. Warum stecke ich nur meine Nase in Dinge, die mich nichts angehen? Was für ein Jahrhundert erwartet mich da nur!