Der
Tag gähnt über den Dächern, aber sein Hauch reicht nicht aus, die Plastersteine
der bunten Gassen des Rotlichtviertels weiß zu färben. Auf der Straße kauert
einer, der versucht, einen
herauszureißen und scharrt mit den Händen die Fugen aus. Ein anderer Schatten
nähert sich ihm mit einer Rohrzange in der Hand. «Was ist das denn?», fragt der
in der Hocke Kauernde und blickt misstrauisch von unten herauf. «Die ist eine
Neuheit, für Rohre ist sie hervorragend geeignet, vielleicht nützt sie dir ja
auch hierbei, Genosse». Der, der fragt, fragt weiter: «Und du?». «Ich scharre
sie mit den Fingern aus». «Das kann aber lange dauern!». «Zwei Straßen weiter
gibt es Schutt von einem Abbruch». «Bist du sicher?», entgegnet der, der sich jetzt
schon erhebt. «Ich bin gerade daran vorbeigekommen». «Und du hast keine
mitgenommen?». «Da ich allein war, habe ich mich nicht getraut, komm´, gehen
wir doch zusammen; wie ich sehe, hast du einen Sack dabei, ich komme mit». In
aller Eile prallen die Schritte von den Fassaden ab und verhallen am Fuß der geschlossenen Fensterläden. Das
Gedrehtwerden eines Schlüssels übernimmt mit seinem doppelten Klicken die Nachfolge
und gibt den Schlaflosen einen guten Grund, nicht zur Ruhe zu kommen. Die Tür
öffnet sich laut knarrend, während ein Schlüsselbund, der an einem Ring
befestigt ist, klirrt. Wer da gerade herausgekommen ist, wählt, ohne
hinzuschauen, eine andere Tür aus, durch die er wieder eintreten kann. Mit
neuem Knarren und erneutem Quietschen öffnet sich sperrangelweit die Eingangstür
der Taverne. Kein Stammkunde von denen, die immer früh aufstehen für ihr
Gläschen Anislikör, wartet davor. Und das ist wirklich seltsam. Der Wirt flucht
leise vor sich hin. Er hat oben seine Frau zurückgelassen, die wütend auf ihn
ist. «Heute ist doch kein Tag, wo die Leute Wein trinken kommen, es wird doch sicher
Tote geben!», hatte sie ihm vom Bett aus nachgerufen, und nichts würde ihn mehr
schmerzen —sogar mehr als die Einnahmen eines ganzen Tages zu verlieren—, als
ihr Recht geben zu müssen.
Einer der Stammkunden nähert sich
zögerlich. Unter dem Türsturz bleibt er stehen, als wolle er nicht der Erste
sein. Von Weitem erahnt er dort hinter der Theke den Wirt. Der Zweifel ist ein
Insekt, das jede Gewissheit zerfrisst. «Kommt denn heute sonst keiner?», sagt
der Kunde laut vor sich hin. Aber wer jetzt antwortet, kennt alle Züge dieses
Spiels in- und auswendig: «Nutz´ es nur aus, heute wirst du nicht lange warten
müssen, bis ich dich bediene». Er macht zwei Schritte vor und sucht sich einen Hocker,
der nicht wackelt. Ein Eisdiamant glänzt im Herzen des Gläschens, das vor ihm auftaucht.
In diesem Augenblick verschwinden alle Zweifel, aber, wie Komiker, deren Stern
dabei ist zu sinken, tauchen sie schon bald erneut auf. «Was für ein seltsamer
Tag heute, meinst du nicht auch, Paco?». Der Wirt beruhigt ihn, als säße er in
einem Beichtstuhl: «Wir sind hier im dichtbesiedeltstens Teil des
Stadtviertels, hierher kommt nur, wer es wirklich kennt». Und zu sich selbst
fügt er noch hinzu: «Und das habe ich davon!» In heller Aufregung kommt ein
weiterer Stammkunde herein. Er ist so erschrocken, dass er kaum Luft bekommt; er
redet stockend, aber der Wirt hört nicht einmal hin. Er hat ihn schon an der
Theke platziert, gegenüber von einem leeren Hocker, wieder ein funkelnder Diamant.
Der mit einem Schluck verschwindet und sich auf der Stelle, wie in den
klassischen Fabeln, in eine Chronik aus der Unterwelt verwandelt. «Oh mein
Gott, auf dem großen Platz wartet ein ganzer Schwarm von Mauser-Gewehren auf
sie, alle mit Zierstreifen, Laufe aus Bronze, Artillerie an jeder Ecke,
Sandsäcke und jede Menge bunte Wimpel». «Und bei dir sieht es so aus, als hätte
man dir einen davon hinten reingesteckt, stimmt´s?». Alle drei lachen, der
Chronist weniger begeistert.
Die Taverne, die sich anfangs fast in
das Redaktionsbüro einer Tageszeitung verwandelt hatte, wird jetzt zum
Hauptquartier für taktische Operationen. Halb vermummt mit großen Tüchern treten
Anarchisten ein, die wie Soldaten ohne Heer und Uniform verkleidet sind. Ohne
den geringsten Gruß nehmen sie am letzten Tisch im Saal Platz, wo kaum Tageslicht
hinkommt. Sie breiten eine Landkarte aus. Bestellen Wein für zwei. Der dritte
trinkt nur Sprudelwasser. Ab und zu kommt ein Demonstrant hineingerannt und
stürmt bald darauf mit neuen Strategieanweisungen wieder hinaus. Das Auftauchen
einer berittenen Polizeibrigade der Guardia Civil mit gezückten Schwertern löst
auf dem Platz Panik unter den versammelten Menschen aus. Ein neue Gruppe von
Gästen in zerfetzten Anzügen von Büroangestellten kommt, völlig erschöpft,
angerannt und kauert sich im Eingangsbereich zusammen und traut sich, weder
wieder auf die Straße hinauszulaufen, noch die Kneipe zu betreten. Der Wirt
selbst muss kommen, um diesen menschlichen Schützengraben zu vertreiben; einige
entschließen sich, doch einzutreten und bestellen Kaffee, der ihnen widerwillig
aus einer verbogenen, rostigen Kanne serviert wird. Kurz darauf erscheint, ebenfalls
mit verstörtem Gesichtsausdruck, der Herr Casas, der bei allen hier als «der Maler» bekannt ist, obwohl keiner jemals
ein Bild von ihm gesehen hat. Der Besitzer der Wirtschaft rechnet damit, dass
er eines Tages vielleicht eines davon kaufen wird, oder eine Reproduktion, was
soll´s, wenn die dann billiger ist, um die Kneipe zu dekorieren. Er setzt sich
an einen Tisch und bestellt seinen Likör, den er hier immer gerne alleine
trinkt. Nervös kritzelt er Striche in ein Notizheft.
Im Laufe des Tages erhält die Taverne eine neue Aufgabe. Alleine oder von Freiwilligen auf Tragen hereingebracht, treffen immer mehr Verletzte ein. Mit Prellungen, Quetschungen, alle mit blauen Flecken und Schürfwunden und mancher sogar mit einer schweren Verletzung. Sie werden auf den Boden gelegt und die Frau des Wirts reinigt vorsichtig die Wunden mit Wasser und Seife, besprüht sie mit Jodform und bedeckt die Wunde mit Mull und Verbänden, die sie mit einer Schnur festbindet. Danach schenkt sie ihnen Wein bis zum Rand ein und berechnet ihnen den doppelten Preis. Die Kneipe wird so zum Operationssaal eines Krankenhauses, ohne dabei ihre Funktionen als anarchistisches Hauptquartier und vor allem als Nachrichtenredaktion aufzugeben. «Ein Toter in der Paja-Straße!» ruft einer, der gerade ankommt und die Rolle eines Reporters übernommen hat. Und am Tisch im Hintergrund sucht einer der drei aufständischen Generäle auf der Landkarte diesen Straßennamen und zeichnet mit einem Bleistift, dessen Graphitmine er mit dem Messer am Leben hält, ein Kreuz, das zu den anderen Kreuzen hinzukommt, die er während der Auseinandersetzung den ganzen Tag lang gemacht hat. Der Februar wird es schnell leid, die Straßen zu beleuchten und am späten Nachmittag macht er sich auf den Weg an einen anderen Ort weiter östlich, um von dort weiterzugehen, was ja das Einzige ist, das er in diesem Leben tut, unbeeindruckt von den Kämpfen, in die die Sterblichen verwickelt sind.

